Die chinesische Ernährungsmedizin (chinesische Diätetik)

Stefan Englert

In der chinesischen Ernährungslehre werden alle Nahrungsmittel anhand dreier Eigenschaften kategorisiert, ihrer so genannten Temperatur, ihrer Geschmacksrichtung und ihrem angenommenen Wirkort im Körper. Diese Eigenschaften des Lebensmittels werden dann in Beziehung gesetzt zur Konstitution des Einzelnen, um zu bestimmen, welche Nahrungsmittel für ihn förderlich, welche eher schädlich sind. Allen Nahrungsmitteln werden Yin- und Yang-fördernde Qualitäten in unterschiedlicher Weise zugeordnet, ein Potenzial, das zu den Yin- und Yang-Lebenskräften des Individuums in Beziehung gesetzt wird. Anhand der Konstitution eines Menschen können unterschiedliche Empfehlungen für die Auswahl und Zubereitungsweise der Mahlzeiten ausgesprochen werden.

Einführung

Die chinesische Medizin betrachtet alle Einflüsse auf unser System als Wirkkräfte, die uns stärken oder krank machen können. Bei jeder dieser Wechselwirkungen – zum Beispiel wenn wir eine Mahlzeit einnehmen – sind zwei Komponenten von Bedeutung: Einerseits die von Außen in unser System aufgenommene Nahrung und andererseits der Zustand unseres energetischen Systems, auf welches die Nahrung trifft. Wenn wir z. B. eine energetisch wärmende Nahrung aufnehmen, hängt die Frage, ob uns diese Nahrung gut tut oder nicht, davon ab, in welchem energetischen Zustand unser Körper sich befindet. Ist ein Mensch ein Hitzetyp, das heißt in westliche Begriffe übersetzt, seine Stoffwechselprozesse laufen eher übersteigert ab, wäre eine wärmende oder aufheizende Ernährung eher nachteilig, weil diese ihn noch weiter überhitzen könnte. Genau umgekehrt verhält sich diese wärmende Kost bei einem Kältetyp, chinesisch gesprochen bei einem Yang-Mangel, was in Begriffen der westlichen Medizin in etwa einer eher vagotonen Stoffwechsellage entspräche. Hier kann die Art der Nahrung den Organismus wärmen, der Mensch wird sich wohler fühlen und manche Beschwerden werden allmählich verschwinden.

Um als Therapeut hier beratend tätig zu werden oder die Wirkkräfte therapeutisch zu nutzen, müssen wir zweierlei wissen:

1 — Einerseits ist von Bedeutung, wie ein bestimmter Einfluss auf uns wirkt. Das heißt wir müssen Informationen über die in der Nahrung ruhenden Kräfte, Wirkrichtungen und die Art und Weise haben, wie und wo sie im Körper wirken.

2 — Andererseits müssen wir den Energiezustand dieses spezifischen betrachteten Körpersystems kennen, um beurteilen zu können, ob förderliche oder schädigende Einflüsse aufgenommen werden.

Dies gilt natürlich genauso für klimatische Einflüsse, Einnahme von Medikamenten oder seelische Einflüsse durch bestimmte vorherrschende Gemütszustände. Aber auf unsere Ernährung trifft es ganz besonders nachdrücklich zu, denn im Gegensatz zur Einnahme von Arzneimitteln, die ja in den meisten Fällen zeitlich begrenzt ist, essen und trinken wir vom ersten Lebenstag an mehrfach täglich. Auch können wir damit nicht „aufhören“, wie wir ein Medikament absetzen können. Darüber hinaus sind Essen und Trinken nicht nur für die Energie- und Nährstoffaufnahme von Bedeutung: Wir gehen mit unserem Liebsten Essen, wir laden uns Freunde ein, um mit diesen zusammen eine Mahlzeit einzunehmen, wir belohnen uns mit einem guten Essen, wir unternehmen vielleicht sogar kulinarische Reisen, um die Speisenvielfalt anderer Länder und Kulturen kennen zu lernen. Kurzum: Essen und Trinken zelebrieren wir auch als Genuss, als soziales Ereignis, als Balsam für Leib und Seele oder als „Event“. Tradition der chinesischen Diätetik

Bereits vor 2000 Jahren gab es in China eine Tradition, die die Ernährung als Therapie in Form von medizinischen Diätrezepten anwendete. Dies können wir dem „Inneren Klassiker des Gelben Kaiser“ Huang Di Nei Jing entnehmen, neben den Mawangdui-Texten eine der frühesten Abhandlungen der chinesischen Medizin. So heißt es dort (zitiert nach Mao Shing Ni): „Das Yin wird von den fünf Geschmacksrichtungen der Nahrung projiziert und von den fünf Zang-Organen gespeichert, die aber wiederum durch einen unangemessenen Gebrauch der Aromen geschädigt werden können. Zu saure Nahrung führt zu einer gesteigerten Funktion der Leber und zu einer verminderten Funktion der Milz. Zu salzige Nahrung kann die Knochen schwächen, die Muskeln kontrahieren und verkümmern und das Herz-Qi stagnieren lassen. Zu süße Nahrung stört das Herz-Qi und versetzt es in Unruhe. Außerdem kann es zu einer Unausgewogenheit der Nieren-Energie kommen, die das Gesicht schwarz werden lässt. Zu bittere Nahrung verringert die Fähigkeit der Milz, Nahrung zu transformieren und weiterzubefördern. Außerdem kann der Magen nicht mehr wirksam verdauen und wird aufgebläht. Die Muskeln und Sehnen können gedehnt werden. Zu pikante Nahrung schädigt Muskeln und Gefäße und beeinträchtigt Jing (Essenz) und Shen (Geist).“

Und weiter: „Die Elemente Feuer und Wasser werden ebenfalls in Yang und Yin eingeteilt: Feuer ist Yang, Wasser ist Yin. Der funktionale Aspekt des Körpers ist Yang, der nährende, substanzielle Aspekt ist Yin. Nahrung kann den Körper stärken und nähren, aber die Fähigkeit des Körpers, Nahrung zu verwandeln, hängt vom Qi ab. Der funktionale Teil des Qi stammt von Jing, der Essenz. Nahrung wird zu Jing geläutert; sie stützt das Qi. Das Qi ist sowohl für die Transformation als auch für die Körperfunktionen notwendig. Aus diesem Grund wird der Körper geschädigt, wenn man falsche Nahrung zu sich nimmt, und Jing, die Essenz, kann sich erschöpfen, wenn man übermäßig aktiv ist.

Geschmack ist eine Yin-Qualität und von absteigender Natur, während das Qi Yang ist und zu den oberen Körperöffnungen aufsteigt. Ein intensiver Geschmack ist reines Yin, ein milder Geschmack ist Yang im Yin. Schwereres Qi ist reines Yang, während leichteres Qi Yin im Yang ist. Sind Geschmack oder Speise schwer und trüb, können sie Durchfall hervorrufen, ein leichterer, raffinierterer Geschmack hingegen kann durch die Leitbahnen zirkulieren. Es ist deshalb ratsam, einfache und milde Speisen statt reichhaltiger zu sich zu nehmen. Das leichtere Qi dehnt sich aus und hat die Tendenz, durch die Poren und Öffnungen aus dem Körper zu strömen. Das schwerere, substanziellere Qi kann das Yang bei dem Entstehen von Feuer im Körper unterstützen. Besteht ein Yang-Überschuss mit Feuer, kann er das Ursprungs-Qi, also das Yuan des Körpers schädigen. Deshalb sollte man es vermeiden, einen Überschuss an Feuer im Körper zu erzeugen.“

Die Wirkung der Nahrung

Jedes einzelne Nahrungsmittel wird in der chinesischen Diätetik – analog zu den Einzeldrogen der Phytopharmaka – durch seine charakteristischen Eigenschaften einer Kategorie zugeordnet, die Auskunft gibt über die zu erwartende Wirkung in unserem Körper. Diese Charakterisierung und Kategorisierung sagt etwas aus über die drei wichtigsten Merkmale eines Nahrungsmittels: das Temperaturverhalten nach der Aufnahme und Verdauung im Körper, die Geschmacksrichtung, die etwas über die Wirkrichtung verrät und den Wirkort, das heißt wo im Körper die entsprechende Wirkung entfaltet wird. Das Temperaturverhalten Vorab sei noch einmal deutlich darauf hingewiesen, dass hier nicht nur die physikalische Temperatur der Nahrung gemeint ist, das heißt ob die Speisen warm oder kalt eingenommen werden. Dies hat selbstverständlich auch eine Wirkung und sollte bei der Ernährung typgerecht berücksichtigt werden. Mit dem Temperaturverhalten der einzelnen Nahrungsmittel ist hier aber die Wirkung bezüglich des Temperaturverhaltens im Körper gemeint, die sich entsprechend der der Nahrung innewohnenden energetischen Eigenschaft nach der Aufnahme allmählich entfaltet. Es werden im Wesentlichen fünf Abstufungen unterschieden: heiß, warm, neutral, kühl und kalt. Dabei sind mit der Kategorie heiß sehr stark wärmende und mit kalt sehr stark kühlende Nahrungsmittel gemeint. Eine Übersicht wird dies an einigen Beispielen verdeutlichen (Tabelle 1). Nur wenige Grundnahrungsmittel tragen die extremen Temperaturen in sich und sind den Kategorien kalt oder heiß zugeordnet. Die meisten liegen in dem mittleren Bereich von kühlend, neutral bis warm. Hingegen finden wir bei den Genussmitteln deutlich mehr Substanzen aus den extremen Temperaturbereichen heiß und kalt.

Tabelle 1: Temperatur ausgewählter Nahrungsmittel nach den Vorstellungen der chinesischen Ernährungslehre.

Mit einer bestimmten Geschmacksrichtung ist bereits auch eine bestimmte Wirkung gegeben. Dieser Gedanke wird manchen Patienten möglicherweise überraschen. Denn es gelten die Redensarten: „Das ist Geschmackssache“ oder „ Über Geschmack lässt sich nicht streiten“. Das mag den Eindruck erwecken als handele es sich bei dem Geschmack eines Nahrungsmittels um etwas „Beliebiges“, das keine weiteren Auswirkungen hat. Viele Menschen bevorzugen jedoch gerade deshalb bestimmte Speisen und Geschmacksrichtungen, weil ihre Physiologie ein Verlangen danach erzeugt. Ganz deutlich zu sehen ist das, wenn jemand sehr hungrig ist. Dann wird das Verlangen nach Süßem – also nach Kohlenhydraten – sehr groß sein. Nach einem opulenten Mahl hingegen wird man sich eher nach Bitterem umsehen, um die Fülle im Magen etwas nach unten zu verteilen und zu drainieren. Das heißt unser Appetit weist uns den Weg zu dem, was wir brauchen. Ob uns unser Geschmack und Appetit aber zu der uns wirklich zuträglichen Nahrung hinführen, hängt auch ganz entscheidend vom Zustand unseres energetischen Gleichgewichts ab. Ein gestörtes inneres Gleichgewicht versucht bereits eingetretene Entgleisungen durch starkes Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln und Geschmacksrichtungen kurzfristig zu kompensieren. Dies muss nicht immer vorteilhaft sein, kann sogar die bestehende Disharmonie weiter verstärken. So zeigen etwa Patienten mit einer Milz-Qi-Leere oft ein großes Verlangen nach Süßem, was durch ihren Mangel an Energie bedingt ist. Dennoch wird die Zufuhr von Süßigkeiten nur wenige Minuten Besserung bringen und im Anschluss daran noch mehr Abgeschlagenheit erzeugen. Daher sind hier langkettige Kohlenhydrate wie Getreideprodukte empfehlenswert, die ebenfalls dem süßen Geschmack zugeordnet werden. Ein anderes Beispiel sind Menschen mit Neigung zu einer Leber-Qi-Stagnation, die oft Scharfes und Pikantes bevorzugen, was den Qi-Fluss wieder in Bewegung bringen soll. Dies wird auch kurzfristig erreicht, kann aber wiederum im Übermaß zu einer Trocknung des Leber-Bluts führen, was sich als Schädigung erweisen würde. Das bedeutet umgekehrt, dass die Vorliebe eines Patienten für eine bestimmte Geschmacksrichtung Rückschlüsse auf sein energetisches Gleichgewicht oder auf eine Störung des Systems erlauben kann. Aus Loseblatt Werk Naturheilverfahren, Springer Verlag, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion, Patricia Falkenburg Dr. Stefan Englert Marktstr. 8 88212 Ravensburg E-mail: info at tcm-advance.de