Die chinesische Ernährungsmedizin (chinesische Diätetik)

Stefan Englert

In der chinesischen Ernährungslehre werden alle Nahrungsmittel anhand dreier Eigenschaften kategorisiert, ihrer so genannten Temperatur, ihrer Geschmacksrichtung und ihrem angenommenen Wirkort im Körper. Diese Eigenschaften des Lebensmittels werden dann in Beziehung gesetzt zur Konstitution des Einzelnen, um zu bestimmen, welche Nahrungsmittel für ihn förderlich, welche eher schädlich sind. So werden allen Nahrungsmitteln Yin- und Yang-fördernde Qualitäten in unterschiedlicher Weise zugeordnet, ein Potenzial, das zu den Yin- und Yang-Lebenskräften des Individuums in Beziehung gesetzt wird. Anhand der Konstitution eines Menschen können unterschiedliche Empfehlungen für die Auswahl und Zubereitungsweise der Mahlzeiten ausgesprochen werden.

Im Folgenden werden die Wirktendenzen und Wirkrichtungen, die in den einzelnen Geschmacksrichtungen liegen, im Einzelnen vorgestellt:

Der scharfe Geschmack

Im Huang Di Nei Jing heißt es: „Scharfes geht zum Qi … ; Der scharfe Geschmack geht in den Magen, von dort bewegt sich sein Qi zum oberen Erwärmer; der obere Erwärmer empfängt das Qi und baut das gesamte Yang (damit) auf…; das Scharfe bewegt sich zusammen mit dem Qi; deshalb tritt der scharfe Geschmack (in den Körper) hinein und geht mit dem Schweiß wieder heraus.“ (Aus Ling Shu, Kap. 63, zitiert nach LORENZEN U. NOLL Bd. 2, 1994) Wirkung: Das Scharfe führt die Energie nach oben und außen. Es wirkt die Oberfläche öffnend, das heißt Schweiß hervorbringend, diaphoretisch und damit pathogene Faktoren ausleitend. Funktionskreis: Lunge, auch Magen. Indikation: Wind-Kälte in der Oberfläche (äußerste Schicht des energetischen Systems, das entspricht beispielsweise einem Erkältungsinfekt): hilfreich sind Ingwer, Lauch und Zwiebel; Wind-Hitze in der Oberfläche (entspricht z. B. einem Erkältungsinfekt vom Wind-Hitze-Typus, etwa Halsinfekt mit rotem Rachen): hier ist die Pfefferminze hilfreich. Die Schärfe der entsprechenden Lebensmittel wirkt öffnend und kürzt so den Infekt ab. Der süße Geschmack Wirkung: Mit süß sind insbesondere auch fast alle Getreide gemeint, wie Reis, Hirse, Mais und Weizen, die nach längerem Kauen ja auch süßlich schmecken. Das Süße wirkt befeuchtend, tonisierend sowie stärkend und beruhigend. Das Süße ist neben dem Salzigen der einzige Geschmack der die Energie wieder auffüllt, das heißt tonisierend wirkt. Funktionskreis: Milz. Indikation: Milz-Qi-Mangel: hilfreich sind die meisten Getreide; Säfte- und Blut-Mangel: Eiweiß, Milch, Sahne, Butter, Fleisch (Huhn, Krabben, Rind, Schwein). Der saure Geschmack Wirkung: adstringierend, zusammenziehend, die Säfte bewahrend und produzierend. Funktionskreis: Leber, auch Magen, Lunge, Niere. Indikation: Verlust-Syndrome: Weintraube, geriebener Apfel; Säfte-Mangel: Pflaume, Apfelsine, Grapefruit, Zitrone, Apfel. Der salzige Geschmack In der Denkweise der chinesischen Medizin geht der salzige Geschmack zur Wandlungsphase Wasser, er ist der Geschmack mit der stärksten Yin-Qualität (Yin im Yin). Das Salzige geht zum Wasser (Niere / Blase) und wirkt erweichend, Stauungen lösend und absenkend. Es ist somit nützlich bei Verhärtungen von Muskeln und Drüsen, bei Verstopfung und Miktionsstörungen. Mäßig salzige Ernährung fördert die Funktion der Nieren mit Harnbildung und -ausscheidung. Zuviel Salziges macht den Puls träge, schwächt die Knochen, Fleisch und Muskeln magern ab. Auch die Herzfunktion kann unterdrückt werden und der Patient leidet an Schwermut. Seine geistigen Fähigkeiten nehmen ab.

Der salzige Geschmack geht zum Blut. Er ist zu meiden bei allen Erkrankungen des Blutes und des Gefäßsystems. Da Salz eine kalte Energie hat, ist es bei Yang-Leere der Milz und der Nieren zu meiden, da sonst Ödeme entstehen können. (nach Ling Shu, Kap. 63, Suwen, Kap. 22, 23; zitiert nach LORENZEN U. NOLL, Bd. 5, 2000) Wirkung: sammelnd, verankernd, erweichend, laxierend. Funktionskreis: Niere. Indikation: Nierenschwäche: Austern (eher kühlend: bei Nieren-Yin Mangel), Meeresfrüchte (eher wärmend: bei Nieren-Yang Mangel); Obstipation: Glaubersalz. Der bittere Geschmack „Schließlich sollte ein chronisch Lungenkranker zuviel Bitteres meiden, da der bittere Geschmack die Flüssigkeiten austrocknet und bei einer Lungen-Yin-Schwäche die Säfte schon erschöpft sind.“ (aus Ling Shu, Kap. 63, zitiert nach LORENZEN U. NOLL, Bd. 4, 1998) Wirkung: eliminierend, drainierend, hinabführend, oft auch trocknend; mäßig bitter fördert das Herz-Yin (ein Glas Bier beruhigt den Geist); stark Bitteres schädigt den Geist, trocknet aus, verursacht Haarausfall und Hauttrockenheit, später „trockene Knochen“. Bei zuviel Nässe in der Milz eignet sich Bitteres in Maßen dazu, die Milz etwas zu trocknen. Funktionskreis: Herz, Dünndarm. Indikation: Herz-Hitze kühlend: grüner Tee; Hitze-Nässe eliminierend: Löwenzahn; Obstipation beseitigend: Kaffee. Der Wirkort Alle Nahrungsmittel wirken auf einen oder mehrere Funktionskreise. Dies zu wissen ist für uns wichtig, um zur Behandlung eines bestimmten Syndroms die richtigen Nahrungsmittel auszuwählen. Für die Funktionskreise Milz, Lunge, Niere, Leber und Herz, sowie für die Hohlorgane Magen und Dickdarm sollen dies ein paar Beispiele veranschaulichen (Tabelle 3) – für die Funktionskreise Gallenblase, Dünndarm und Blase sind nur wenige Nahrungsmittel wirksam.

Tabelle 3: Wirkorte ausgewählter Nahrungsmittel nach den Vorstellungen der chinesischen Ernährungslehre.

Eine kleine Materia Diätetika Im Folgenden werden einige der wichtigsten Nahrungsmittel beispielhaft besprochen. Um eine Ordnung der Nahrungsmittel vorzunehmen, sind verschiedene Ansätze im Laufe der Medizingeschichte und Ernährungsphysiologie beschritten worden. Eine Einteilung lässt sich nach unterschiedlichen Gesichtpunkten vornehmen: nach der Nahrungsmittelart: kulinarisch (z. B. Getreide, Gemüse, Obst, Fleisch, …) nach der Pflanzenfamilie: botanisch (z. B. Gräser- die meisten Getreide, Leguminosen, Hülsenfrüchte, ) nach den wesentlichen Inhaltsstoffen: ernährungsphysiologisch (z. B. Kohlenhydrate, Eiweiße, Fette und Vitamine, Mineralien, Spurenelemente). In der chinesischen Diätetik wird üblicherweise nach der Nahrungsmittelart eingeteilt: Getreide Samen / Nüsse Hülsenfrüchte Gemüse Obst Fleisch Fisch Meeresfrüchte Milchprodukte Gewürze Öle / Fette Genussmittel

Tabelle 4 zeigt beispielhaft Inhaltsstoffe dieser Nahrungsmittel. In den folgenden Tabellen 5–14 sollen einzelne Nahrungsmittel in ihrer Wirkung nach den Vorstellungen der chinesischen Medizin vorgestellt werden.

Tabelle 4: Ausgewählte Nahrungsmittelgruppen und ihre wesentlichen, ernährungsrelevanten Inhaltsstoffe.

Nahrungsmittel Inhaltsstoffe Getreide Kohlenhydrate, Vitamin B, Kalzium, Ballaststoffe Samen / Nüsse Lipide, Öle, Mineralien (Kalzium, Eisen) Hülsenfrüchte / Leguminosen Eiweiße, Flavonoide Obst Fruktose, Vitamine, Phytosterole, Gemüse Vitamine, Phytosterole, Ballaststoffe Fleisch Eiweiße, Vitamine Fisch Eiweiße, Jod, Spurenelemente Milchprodukte Eiweiße, Kalzium Genussmittel Koffein, Alkohol, Teein

Tabelle 5: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Getreide.

Tabelle 6: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Samen und Nüsse.

Tabelle 7: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Hülsenfrüchte und Leguminosen.

Tabelle 8: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Obst.

Tabelle 9: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Gemüse.

Tabelle 10: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Fleisch

Tabelle 11: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Fisch und Meeresfrüchte

Tabelle 12: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Milchprodukte.

Tabelle 13: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Gewürze.

Tabelle 14: Eigenschaften der Nahrungsmittelgruppen nach der chinesischen Ernährungslehre: Genussmittel.

Die Zubereitung der Nahrung

Jedes Nahrungsmittel besitzt also nach den Vorstellungen der chinesischen Ernährungslehre eine ihm inne wohnende Wirkkraft. Durch Zubereitung der Nahrung kann diese Wirkung jedoch modifiziert werden. Damit lassen sich auch Nahrungsmittel, die wegen ihrer kalten Temperatur zum Beispiel problematisch wären verträglicher und damit einsetzbar machen.

Tabelle 15 zeigt häufige Zubereitungsformen und wie sie die Wirkung der Nahrungsmittel verändern.

Tabelle 15: Zubereitungsverfahren und ihre Wirkung auf die Eigenschaften von Nahrungsmi

Natürlich dienten viele dieser Verfahren ursprünglich dem Zweck, die Nahrung haltbarer zu machen, um in Notzeiten (Winter, Nahrungsverknappung) Reserven zu haben. Weiterhin dienen viele Verfahren auch dazu, die Nahrung leichter verdaulich und besser verfügbar und aufschließbar zu machen, was die Milz als Nahrungstransformationsorgan entlastet. Es ist kein Zufall, dass dies überwiegend durch Erwärmung geschieht. Schließlich hat das „Verdauungsfeuer“ der Milz die Aufgabe, Nahrung in Energie umzuwandeln und braucht verständlicherweise für kalte oder rohe Nahrung wesentlich mehr Energie als für energetisch wärmere. Zusammenstellung der Nahrung und Nahrungsaufnahme Die Zubereitung und das Kombinieren der einzelnen Nahrungsmittel beim täglichen Kochen wird kurz vor dem Verzehr gemacht. Natürlich beeinflusst auch die Kombination der einzelnen Nahrungsmittel die Gesamtwirkung der aufgenommenen Mahlzeit. Durch wärmere Zutaten können kühlere Nahrungsmittel kompensiert werden. Durch intensiveres Kochen kann die Aufnahme durch die Milz erleichtert werden. Und gerade die Zugabe von Gewürzen liefert die Möglichkeit, die Verdauung zu stärken (Kardamom, Ingwer, Pfeffer wärmen und stützen die Milz). Andere Gewürze verhindern unerwünschte Effekte bestimmter Nahrungsmittel: Kümmel fördert den Qi-Fluss im Abdomen und hilft bei Kohlgerichten bekanntermaßen gegen Flatuleszenzen. Milch im Kaffee befeuchtet und kühlt leicht und schwächt so die sehr trocknende und erwärmende Wirkung des Kaffees ab. Die Nahrungsaufnahme Grundsätzlich gilt der alte Lehrsatz: „ Der Magen will gefüllt und wieder geleert sein.“ Das heißt, dass es am besten ist, nur dann zu essen, wenn wir hungrig sind und nicht nur dann, wenn es 12.00 Uhr ist. Eine aufgenommene Mahlzeit sollte erst vollständig verdaut sein, bevor wir erneut etwas essen. Ansonsten besteht leicht die Gefahr, dass die Nahrung unvollständig verdaut wird und mittelfristig mehr und mehr Unverdautes im Bereich von Milz und Magen „liegen bleiben“, was aus chinesischer Sicht zu Nässe führt.

Genauso wie zu häufige ist auch zu seltene Nahrungsaufnahme problematisch. Auf längere Sicht entsteht eine Schwächung von Milz und Magen, was einen Energiemangel (Qi-Mangel) zur Folge haben kann, der insbesondere bei Frauen rasch in einen Blut-Mangel münden kann.

Um möglichst vital und Energie-geladen zu bleiben, bedarf es einer Regelmäßigkeit in der Nahrungszufuhr. Bereits für Kinder ist die Regelmäßigkeit der Ernährung sehr wichtig und für Erwachsene gilt das im Grunde nicht minder. Die zentrale Aufgabe der Milz Der Funktionskreis Milz stellt den mittleren Erwärmer dar. Hier wird die aufgenommene im Magen vorhandene Nahrung „transformiert“, also in Qi und klare Säfte umgewandelt. Bei diesem Klärprozess werden die klaren Säfte des Körpers erneuert, während die dabei entstehenden trüben Säfte als Abfallstoffe zu den Ausscheidungsorganen herabgeführt werden müssen. Abbildung 1 soll die physiologischen Vorstellungen der TCM bezüglich der Umwandlungsfunktion der Milz verdeutlichen. Zeiten Die chinesische Medizin hat bereits sehr früh chronobiologische Abläufe der Körpervorgänge beschrieben. Bei der Nahrungsaufnahme und Verdauung sind hier insbesondere die Funktionskreise Milz, Magen und Dickdarm zu betrachten: die „Maximalzeit“ der Milz ist von 9.00–11.00 Uhr, die des Funktionskreises Magen von 7.00–9.00 Uhr, der Dickdarm hat sein „Leistungsoptimum“ circa von 5.00–7.00 Uhr. Das heißt, dass die beste Zeit für die morgendliche Stuhlentleerung nach dem Aufstehen, jedoch vor dem Frühstück ist. Bei Patienten mit Neigung zu Verstopfung ist es besonders wichtig und hilfreich, sich diese Zeit nutzbar zu machen. Im Anschluss daran, in der „Magen-Zeit“ sollte ein kräftigendes, nicht zu kleines Frühstück eingenommen werden, da der Magen jetzt zu seiner besten Form gelangt. Im Anschluss daran hat es die Milz relativ leicht, das Aufgenommene umzuwandeln und und die benötigte Energie für den Tag zu liefern. Am Mittag sind Milz- und Magen-Energien noch relativ gut verfügbar. Am Abend jedoch, besonders zu späterer Stunde, sind die Verdauungsorgane schon „im Feierabend“ , sodass das Aufgenommene nur unzureichend verarbeitet wird und sich sehr leicht Nässe im mittleren Erwärmer ansammelt. Oft ist dies auch noch am nächsten Morgen nach ausgiebigen Festessen mit reichlichem, spätem Essen zu spüren. Man beobachtet Verschleimungen in Rachen und Hals, leichtes Husten und Räuspern, vielleicht auch Verschleimungen im Bereich der Nase und Nebenhöhlen. Häufig führt diese Nässe zu einem Appetitmangel am nächsten Morgen, sodass auf ein ausgiebiges Frühstück eher verzichtet wird. Über derartige Beschwerden klagen viele Patienten, die regelmäßig erst abends ihre Hauptmahlzeit einnehmen. Umstände und Umgebung Das Essen in ruhiger und wohltuender Umgebung ist für die optimale Aufnahme und Umwandlung der Nahrung wichtig. Dann nämlich sind wir entspannt und die physiologischen Abläufe werden nicht gestört.

Stress, Hektik, Streit- oder Geschäftsgespräche (so genannte Arbeitsessen) können über eine Leber-Qi-Stagnation Milz und Magen angreifen und dadurch die wichtige Transformation der Nahrung erschweren. Die Folge sind Bauchkrämpfe, nervöser Reizmagen oder das so genannte Reizdarm-Syndrom. Auch Essen im Stehen ist nicht förderlich. Wenn gleichzeitig mit der Nahrung Informationen aufgenommen werden, wie das beim Zeitungslesen oder gleichzeitigen Fernsehen der Fall ist, ist die Milz doppelt beansprucht. Denn auch diese Informationen müssen von der Energie der Milz sortiert und „geklärt“ werden. Dadurch kann es bei gleichzeitiger Reizüberflutung während des Essens ebenfalls zu Verdauungsbeschwerden kommen. Folgen von Ernährungsfehlern Ein Mensch der sich über längere Zeit für seinen Typus unvorteilhaft ernährt, wird wahrscheinlich früher oder später bestimmte Folgen spüren. Da er aber möglicherweise bereits viele Jahre so gelebt hat, fällt ihm der Zusammenhang mit der Ernährung nicht auf. Die häufigsten Pathologien und ihre Ursachen seien im Folgenden kurz dargestellt: Übermaß an kalter (physikalisch und energetisch kalt), roher Nahrung Kalte Nahrung schwächt das empfindliche „Verdauungsfeuer Bertelsmann“ der Milz. Dies nennt man in der TCM Milz-Qi oder Milz-Yang, je nachdem welcher Aspekt betont werden soll. Daher ist ein Milz-Qi bzw. ein Milz-Yang-Mangel mittelfristig die Folge dieser Ernährungsweise. Übermaß an feuchter (sehr „nährender“, Säfte produzierender) Nahrung Die Milz hat die Aufgabe den im Magen liegenden Nahrungsbrei in Energie wie Qi und geklärte Säfte zu transformieren. Eine sehr nährende und befeuchtende Ernährung kann die Milz kurzfristig überlasten, sodass etwas von diesen noch ungeklärten Säften liegen bleibt. Geschieht dies häufiger oder ist es gar die Regel, dann wird allmählich Nässe- in der Milz akkumulieren. Dies führt zu Unwohlsein im Oberbauch, Druck- und Völlegefühl und allgemeiner Schwere und Gedunsenheit im Körper. Psychisch führt es oft zu Grübeleien und Entscheidungsschwäche. Krankheitsbilder wie Depression, Reizdarm-Syndrom usw. gehen oft mit einem Milz-Qi Mangel einher. Da Nässe und Kälte beides Yin-Valenzen sind, wirkt sich eine kalte, rohe Nahrung, die auch noch sehr feucht ist, besonders belastend auf das Milz-Qi aus. Typisches Beispiel sind Milch-Shakes nach amerikanischem Vorbild: mit Chrunch-Eis gekühlt und sehr feucht durch Milchprodukte, die auch noch gesüßt und mit befeuchtenden und kühlen Fruchtauszügen wie Banane gemischt werden. Übermaß an sehr warmer und heißer (physikalisch und energetisch) Nahrung Heiße Nahrung führt zu Wärme und dann zu Hitze im System. Besonders anfällig hierfür sind die Funktionskreise Magen, Lunge, Leber und Herz. Langfristig führt ein innerer Hitzeprozess zur Schädigung und Minderung der Säfte, also auch des Bluts und des Yin.

Dies ist dann noch schwieriger und langwieriger zu behandeln. Symptome eines Hitzezustandes sind Sodbrennen, Zahnfleischbluten, übler Mundgeruch, Hitze im Herzen: Unruhe, Schlaflosigkeit, Herzrasen, Lungen-Hitze: gelbliche Sekrete, Nasenbluten, eitrige Bronchitis, Sinusitis, Hitze im Funktionskreis Leber: aufbrausendes Temperament, rote Augen, die zu Entzündungen neigen, erhöhter Blutdruck, Kopfschmerz in den Schläfen. Übermaß an trocknender Nahrung Eine solche Ernährungsweise trocknet das System aus. Betroffen sind vor allem die auf Befeuchtung angewiesenen Funktionskreise Lunge, Magen, Herz und Leber. Auch das Nieren-Yin wird mittelfristig betroffen. Symptome sind in dem jeweiligen Funktionskreis: Lunge: trockener Reizhusten, Durst, trockene Kehle, trockene Haut, Leber: brüchige Nägel, Herz: Unruhe, Schlaflosigkeit, Nachtschweiß, Niere: Feuer der 5 Herzen, Nachtschweiß, Durst, LWS-Probleme, konzentrierter, dunkler Harn, Hitzewellen. Anmerkung: Trockenheit und Yin-Mangel sind nicht identisch, ähneln sich klinisch aber sehr. Die Erschöpfung der Säfte beim Yin-Mangel ist aber noch tiefgehender als bei pathogener Trockenheit. Da Hitze und Trockenheit beides Yang-Valenzen sind, wirkt sich eine heiße Nahrung, die auch noch trocknend ist, noch stärker aufheizend und die Säfte vermindernd auf den Organismus aus. Typisches Beispiel sind Kaffee und Tabakgenuss. Dies erzeugt Hitze in den Funktionskreisen Herz, Magen und Lunge und mindert gleichzeitig das Herz-, Magen- und Lungen-Yin. Die Erkennung des energetischen Musters – Diagnosestellung Die chinesische Medizin geht von zwei antagonistischen Gegenspielern in unserem körperlichen und geistigen System aus: Einerseits den dynamischen, energetischen, nicht stofflichen Kräften im Körper, und andererseits den materiellen, stofflichen Substanzen. Im chinesischen Denkmuster werden diese Gegenspieler als Yin und Yang bezeichnet. In der westlichen Physiologie könnten sie ungefähr dem Sympatikus und dem Parasympatikus als antagonisierenden Regulationssystemen entsprechen. Diese beiden Kräfte sollten der chinesischen Medizin zufolge ausgewogen und im Gleichgewicht sein. Dann ist der Organismus gesund. In diesem Fall kann das Yin seine Kühlfunktion und Stabilisierung durch Stofflichkeit im Organismus wahrnehmen. Das Yang nimmt die dynamisiernde, erwärmende, bewegende und aktivierende Aufgabe wahr. Dieses Gleichgewicht spürt der Patient daran, dass kein übermäßiges Hitze- oder Kältegefühl besteht; weder Unruhe noch vermehrte Trägheit oder Lustlosigkeit bestehen: das Yang wird „gezügelt, kontrolliert“. Yin – als das befeuchtende und nährende Prinzip in unserem Körper – sorgt dafür, dass Haut und Schleimhäute genährt und befeuchtet werden. Yang – als das wärmende und bewegende Prinzip – sorgt für die ausreichende Dynamik des Metabolismus, der Körpertemperatur, Enthusiasmus und lustvolle Aktivität. Diagnosestellung Vor einer Ernährungsberatung sollte also eine Bestimmung des energetischen Zustandes des Patienten nach den Regeln der chinesischen Medizin erfolgen. Dies geschieht durch eine ausführliche konstitutionelle Anamneseerhebung, die Betrachtung von Zunge und Puls. Dies entspricht im Wesentlichen dem Vorgehen vor einer Akupunktur- oder einer phytotherapeutischen Behandlung. Daher soll es hier nicht weiter dargestellt werden. Tabelle 16 zeigt als Beispiel zwei klassische, einfache Krankheits-Muster in der energetischen Diagnosestellung.

Nieren- und Herz- Yin-Mangel Milz-Yang-Mangel körperliche Beschwerden rotes Gesicht, aufsteigendes Hitzegefühl, Trockenheit der Haut und Schleimhaut (Obstipation), Durst, konzentrierter Urin, Nachtschweiß blasses Gesicht, inneres Kältegefühl, Schwäche der Nahrungsumwandlung (erniedrigter Metabolismus), Appetit verlust, Diarrhoe, fehlender Durst

seelische Beschwerden Unruhe, Schlaflosigkeit Trägheit, Erschöpfung, phlegmatisch Zungenkörper rot, eher klein oder geschrumpft, rissig blass, gedunsen, Zahneindrücke an den Zungenrändern Zungenbelag vermindert oder ganz fehlend vermehrt, weißlich, feucht Puls sehr fein, fadenförmig, evtl. beschleunigt, gelegentlich ist die 3. Position deutlich schwächer tastbar kraftlos, tief, langsam Praxis der Ernährungsberatung und Tipps bei der Ernährungsumstellung Wie der Arzt die Botschaft vermittelt, trägt ganz wesentlich zum Erfolg bei Da jeder Patient über viele Jahre bestimmte Gewohnheiten und Vorlieben entwickelt hat, ist es sehr schwierig die Ernährung einfach „umzustellen“. Oft heißt es da, sich von lieb gewordenen Gewohnheiten und Ritualen zu trennen. Und wer tut das schon leicht. Das bedeutet für den Arzt, dass er mit besonderer Sorgfalt seine Worte wählen und sehr behutsam und einfühlsam vorgehen muss. Schriftliche Ausführungen – der Patient behält nur 20% Eine Art vorgefertigtes Merkblatt, das für den einzelnen Patienten „individualisiert“ wird, indem der Name und das aktuelle Datum eingetragen werden, hilft, dem Patienten zu vermitteln, dass dies eine ganz auf ihn zugeschneiderte Empfehlung ist. Ich unterstreiche auf diesem Merkblatt zusätzlich bestimmte Punkte, die ich im speziellen Fall für besonders wichtig halte. Wenig ist mehr Da es schwer ist, gleich auf viele neue Nahrungsmittel, Zubereitungsarten und zeitliche Abläufe zu achten, beginne ich eine Umstellung immer nur mit einigen wenigen Punkten, die ich für die wichtigsten im vorliegenden Fall halte. So soll etwa nur das Abendessen früher und leichter gestaltet werden. Dies kann schon eine ganz schön große Herausforderung sein. Eine leichte Gemüsesuppe am Abend mit etwas Brot dabei belastet das System nicht und entlastet die Verdauung in der Nachtzeit. Wenn jemand bereit ist, dies eine Zeit lang auszuprobieren, wird er / sie bald feststellen, dass auch am nächsten Morgen der bisher fehlende Appetit zurückkommt und somit eine weitere Änderung der Essensgewohnheiten von allein eintritt. Die Therapie einiger Krankheitsbilder mit Hilfe der chinesischen Diätetik Milz-Qi-Mangel Ursachen Zu reichliches Essen, unregelmäßige Mahlzeiten, Hektik beim Essen, zu befeuchtende, kalte oder rohe Nahrung, zu viele Sorgen, Grübeln, übermäßige geistige Tätigkeit, Bewegungsmangel. Physiologie Da die Milz die Aufgabe der Transformation der Nahrung in Qi-Kräfte und geklärte Säfte hat, kommt es bei einem Milz-Qi-Mangel zu zwei grundsätzlichen Erscheinungen: 1.Es wird zu wenig Qi produziert: der Patient fühlt sich erschöpft, abgeschlagen und müde. 2.Bleibt ein Teil der aufgenommen Nahrung im mittleren Erwärmer als ungeklärte Säfte und somit als Nässe liegen: der Patient beklagt ein Schweregefühl, Blähbeschwerden begleitet von Ödemneigung und Schwellungen, Diarrhoeneigung. Diagnose / Befunde Körperliche Beschwerden: blasses Gesicht, Schwäche; Zungenkörper: blass, gedunsen, Zahneindrücke an den Zungenrändern; Zungenbelag: vermehrt, weißlich, feucht; Puls: kraftlos, tief, schlüpfrig.

Therapie mit Diätetik Aus Loseblatt Werk Naturheilverfahren, Springer Verlag, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion, Patricia Falkenburg