Qi Gong - mehr als Gymnastik und Bewegung

Qi Gong - mehr als Gymnastik und Bewegung

Die Bedeutung der Qi Wahrnehmung für Qi Gong
Christoph Stumpe

Einleitung (Teil 1 des Beitrags)

Die Wahrnehmung der Energie für die Qi Gong Praxis ist von wesentlicher Bedeutung für die Wirkung des Qi Gong. Bei den Taoisten und in der chinesischen Medizin drehte sich ursprünglich alles um die Lebensenergie und deren Wahrnehmung. Die Qi Wahrnehmung ist die Grundlage für die Entstehung und Anwendung der chinesischen Medizin. Ohne das bewusste Wahrnehmen einer Lebensenergie könnte das Konzept der chinesischen Medizin nicht existieren. Meridiane und Energiepunkte hätten nicht entdeckt und überliefert werden können.

In der heutigen Zeit ist jedoch immer wieder zu beobachten, dass der Energiewahrnehmung wenig Bedeutung beigemessen wird und das Hauptaugenmerk auf Abläufe und Funktionalität von Übungen und Methoden gelegt wird.

In unserem Kulturkreis ist die Existenz einer Lebensenergie seit 2 Jahrhunderten aus dem öffentlichen Blickfeld geraten und wenig präsent. Dies ist ein Grund dafür warum im Westen wenig über Lebensenergie gesprochen wird und warum wir alles anhand naturwissenschaftlicher Disziplinen erklären wollen. Sehr viel schwerer, weil unbekannter, scheint es zu sein sich auf die energetischen Ebenen einzulassen und hier Bewusstheit zu erlangen.

Die Präsenz einer lebensspendenden Energie lag lange Zeit weitestgehend außerhalb unserer Wahrnehmung. Alles was nicht mit wissenschaftlichen Meßmethoden erfasst werden konnte, wurde als nicht existent gewertet. Auch dass über hundert Kulturkreise und Medizinsysteme unserer Menschheitsgeschichte die Existenz einer Lebensenergie als Grundlage anerkennen, schien lange nicht beachtenswert.

Ergebnis dessen ist, dass wir mehr über das Außen wissen – Aktienkurse, Autos, Mode, Promis, Fußballbundesliga etc. – als über unser Inneres – Seele, Gefühle, Fähigkeiten, Organe oder Lebensenergien.

Als Anfänger wird man oftmals bei Qi Gong Seminaren mit Aussagen und Empfindungen von Kribbeln, Energiefließen, Wärme, Licht etc. konfrontiert, welche zunächst nicht nachzuvollziehen sind, beziehungsweise nicht direkt erspürt werden. Aber gerade die spirituellen und energetischen Aspekte des Qi Gongs lösen so große Faszination aus, auch wenn man noch nicht in der Lage ist, die damit verbundene Lebensenergie wahrzunehmen. Das Bedürfnis Körper, Psyche, Seele und Geist im Zusammenspiel zu erfahren, motiviert viele Qi Gong zu praktizieren. Dabei stellt sich heraus, dass es wichtig ist sich Zeit zu geben, um das Vertrauen in seine Wahrnehmungen zu stärken, anstatt sich Empfindungen anderer zu Eigen zu machen, die dem eigenen Naturell nicht entsprechen. Mit der Zeit erfährt man, dass es nicht darauf ankommt etwas Spektakuläres zu erfahren, sondern lernt aus dem zu schöpfen was da ist.

Wie macht sich Qi bemerkbar? – Qi Phänomene

Qi „Lebensenergie“ äußert sich in Form von Kribbeln, Wärme, Schwere, Licht, Fließen, Leichtigkeit, Weite, seltener auch mit Kälte, Muskelzuckungen oder auch im Empfinden von „magnetischen Feldern“.

Diese Phänomene werden von vielen Praktizierenden beschrieben und bieten Anhaltspunkte für die eigene Qi Wahrnehmung. Sie erleichtern es, die eigenen Wahrnehmungen einzuordnen und Worte für Gefühle, Bilder, Reaktionen und Erlebnisse zu finden. Die energetische Ebene kann aber nicht ausschließlich über die Ratio und das Wollen erfasst werden, sondern es bedarf des absichtslosen Fühlens und der Intuition. Gerade deshalb fällt es uns so schwer Qi wahrzunehmen oder in andere Bewusstseinsebenen zu gelangen. Wir haben nicht gelernt unseren Empfindungen, Gefühlen und unserer Intuition zu vertrauen. Stattdessen halten wir oft an der Dominanz des Verstandes fest, obwohl wir damit an Grenzen stoßen und nicht zu wirklicher Zufriedenheit gelangen.

Die Qi Wahrnehmung ist trotz vieler übereinstimmender Beschreibungen sehr subjektiv. Vorgaben, die durch Meister oder Lehrer weitergegeben werden, sind sehr wertvoll und können für die eigene Energiewahrnehmung wichtig sein. Darüber hinaus sollte man eigene abweichende Empfindungen nicht verwerfen, nur weil sie nicht den beschriebenen Phänomenen entsprechen. Denn als Anfänger hat man wenig Vertrauen in die eigene Wahrnehmung und ist daher geneigt, die vorgegebenen Empfindungen anderer eher zu adaptieren, als seine eigenen Empfindungen und Wahrnehmungen zuzulassen und ihnen zu vertrauen.

Qi - Wahrnehmung und Bewusstsein

Erfahrungen chinesischer Meister zeigen, dass die Schulung des Bewusstseins mit zunehmender Übungspraxis immer deutlicher wird.

Die Wahrnehmung und das Empfinden der Lebensenergie sind wesentlich vom Bewusstsein und dessen Ausrichtung abhängig. Richtet sich das Bewusstsein – die Aufmerksamkeit - auf eine energetische Ebene, werden auch die energetischen Ebenen wahrgenommen. Verweilt der Übende mit seinem Bewusstsein auf dieser Ebene können sich entsprechende Qi - Wahrnehmungen einstellen. Dies kann anhand folgender Übung erfahren werden:

Reiterstandposition. Halte deine beiden Handinnenflächen Pe. 8; Laogong in einem Abstand von ca. 20 cm von einander entfernt. Die Schultern hängen entspannt herunter, die Unterarme sind leicht angewinkelt und die Hände sind locker geöffnet. Verweile einige Minuten mit deiner Wahrnehmung in beiden Handinnenflächen und deren Zwischenraum. Nimm dabei aufmerksam wahr, was in dieser Zeit geschieht. Anfangs hilft es, den Abstand zwischen den Handinnenflächen zu variieren. Achte dabei darauf, dass sich die Hände nicht berühren. Nehme 3-5 Minuten Zeit für diese Übung.

Während dieser Übung ist das Bewusstsein auf die Hände und den Raum zwischen den Händen gerichtet. Durch das „Sein“ in diesem Raum kann das Bewusstsein beginnen, Qi wahrzunehmen. Die Lebensenergie, die zwischen den Händen erfahren wird, ist feinstofflicher als die uns vertraute komprimierte Lebensenergie, die wir als den menschlichen Körper wahrnehmen. Deshalb braucht es auch ein wenig Übung und Zeit bis das Bewusstsein sich auf diese Energieebene eingestimmt hat und die Qualitäten, die mit dieser Ebene verbunden sind, wahrnimmt.

Das Qi Gong eröffnet dem Praktizierenden die Möglichkeit sein Bewusstsein auf bestimmte Energie- und Bewusstseinsräume auszurichten, auf die er während des Alltags nicht fokussiert ist. Im täglichen Leben ist die Aufmerksamkeit auf pragmatischere Dinge gerichtet, als auf die Lebensenergie. Je tiefer das Bewusstsein in eine Ebene eintauchen kann, umso differenzierter können die Energien wahrgenommen werden.

Dies ist vergleichbar mit einem Radiosender. Wenn ich weiss, auf welcher Frequenz mein Lieblingssender ist, kann ich die Frequenz eingeben und ich nehme dessen Musik direkt wahr. Ich weiss dann beispielsweise auch welche Musikrichtung der Sender bevorzugt, welche Zielgruppe er ansprechen will und aus welcher Region er kommt oder wie ich die Bemerkungen der Moderatoren einzuordnen habe. Bei den Energien ist es ähnlich, aber deshalb etwas schwerer, weil keine vermeintlich objektive Instanz sagen kann, das ist jetzt das Meridian Qi, das Organ Qi, das Qi des Ortes, der Gruppe etc. Es muss von jedem selbst erfahren und differenziert werden. Regelmäßige Übung vertieft die Erkenntnis und verfeinert die Essenz der Wahrnehmung.

Unser Bewusstsein ist in der Lage in Sekundenbruchteilen an jedem Ort der äußeren und inneren Welt zu sein. Das Bewusstsein kann soweit ausgedehnt werden, dass es alles umfasst oder auch an mehreren Orten gleichzeitig ist. Für unser Bewusstsein gibt es keine Grenzen. Entscheiden wir uns, das Bewusstsein auf die Energieebene zu richten, geht auch die Wahrnehmung dort hin und man nimmt Energie wahr. Entsprechend den klassischen Tai Ji Schriften: „der Geist lenkt das Qi und das Qi lenkt den Körper“. Nicht umsonst sind viele Tai Ji und Qi Gong Übungen den Tieren und der Natur nachempfunden. Durch die geistige Verschmelzung des eigenen Bewusstseins mit dem des Tieres überträgt sich dessen Kraft und Energie auf den eigenen Körper. Gerade in den Kampfkünsten wird sich dieses Verständnis zu Eigen gemacht.

Für die Qi Wahrnehmung gilt auch das Prinzip von Yin und Yang. Zum einen wird die Wahrnehmung aktiv im Yang auf etwas ausgerichtet, zum anderen verweilt das Bewusstsein ruhig ohne zu wollen im Yin also ohne zu tun, auf dieser Ebene.

Christoph Stumpe Shen Men Institut Germany Gladiolenweg 21 Tel.: 02104-234132 40699 Erkrath www.ShenMen-Institut.de, info@ShenMen-Institut.de

Seit mehr als zehn Jahren lehrt der Dipl. Sportwissenschaftler, Sporttherapeut und Leiter des Shen Men Institutes (Ausbildungsinstitut für chinesische Gesundheitsverfahren). Er betreibt eine Praxis in Düsseldorf und arbeitet zudem mit zahlreichen niedergelassenen Ärzten in den Bereichen TCM und Gesundheitsvorsorge zusammen. Seine Ausbildung bei verschiedenen Meistern und Lehrern führte ihn auch mehrmals zum WHO Collaborating Centre for Traditional Medicine nach Beijing, China.